Wasser und Sand I Kurzgeschichte

Ama setzt schwankend einen Fuss vor den anderen. Ihr Rücken ist steif. Die Verbrennungen an ihrer Hüfte pochen und von den offenen Wunden an ihrem Körper strahlt ein stechender Schmerz aus. Wenigstens spürt sie so die Prellungen an ihren Armen nicht mehr. Oder die Wirkung des glühend heissen Sandes auf ihre nackten Füsse.
Würde sie jetzt zurückschauen, könnte sie wohl ihre blutigen Fussabdrücke erkennen, die vom Ufer in den Palmenwald führen. Doch Ama wird nicht zurückschauen. Der einzige Weg, den sie gehen kann, führt nach vorne. Zu viel steht auf dem Spiel. So viele geliebte Menschen verlassen sich auf sie. Ihr Bruder Yaris und seine beiden Kinder Zola und Tayo sowie Amas geliebte Schwester Nala.
Ihr Volk liegt im Sterben. Es gibt kein Essen mehr, kein sauberes Trinkwasser. Das Dorf und seine Bewohner werden von einer mysteriösen Krankheit heimgesucht. Keiner weiss, woher dieses Leiden stammt. Die Schamanen konnten lediglich herausfinden, dass es keine natürliche Krankheit ist. Ein magischer Fluch sucht das Wüstenland heim und niemand kennt ein Heilmittel. Niemand, ausser Ama.
Sie hat sich an die Geschichten erinnert, die ihre Eltern ihr als kleines Mädchen erzählt haben. Geschichten über vier magische Steine, die jeweils von einem mächtigen Drachen bewacht werden. Die Steine besitzen die Kräfte der vier Elemente und können jede Krankheit heilen, wenn man sie vereint. Anders als die anderen Bewohner ihres Dorfes glaubte Ama schon immer an die Erzählungen ihrer Eltern. Deshalb hat sie sich auf dem Weg gemacht, um den Feuer-, den Erd-, den Luft- und den Wasserdrachen zu bezwingen.
Amas Atem rasselt. Sie ist sicher, dass während ihrem letzten Kampf eine ihrer Lungen beschädigt wurde. Das ist gar nicht gut. Ama weiss, dass sie nicht lebend von dieser Insel wegkommen wird. Es ist ein ursprüngliches Wissen, das sie nicht erklären kann. Einerseits ist da ihre Besorgnis erregende körperliche Verfassung, andererseits liegt ihr Boot – das einzige Mittel, um hier weg zu kommen – nur noch als grosser Schutthaufen am Ufer.
Ama selbst hat mit dem Tod Frieden geschlossen. Das ist nicht das Problem. Aber sie macht sich Sorgen um ihre Familie. Als sie aufgebrochen ist, um nach den magischen Steinen zu suchen, gab es nur noch wenige gesunde Menschen in ihrem Dorf. Um ihre Familie und ihr Volk zu retten, muss sie den letzten der vier Elementarsteine holen. Komme was wolle. Was danach mit ihr geschieht, ist egal. Sie kann diese Welt in Frieden verlassen, wenn sie weiss, dass es ihrer Familie gut gehen wird.
Es ist unnatürlich still auf der Insel. Keine Insekten summen in der Luft, kein Vogelgezwitscher ist zu hören. Ama kann es einfach nicht fassen, dass sie die Verwunschene Insel wirklich gefunden hat. Ihr Vater hat ihr diesen magischen Ort so oft beschrieben. Eine Insel, die nur die Mutigsten und Waghalsigsten aller Menschen je gefunden haben. Eine Insel, auf der es nichts als Sand und Palmen gibt, bis man schliesslich ihr Herz erreicht: das Reich des Wasserdrachens. Niemand sonst hat daran geglaubt, dass die Insel existiert. Auch Amas Geschwister hatten Zweifel. Und jetzt ist sie wirklich hier.
Ama stolpert über einen Stein. Einen Moment später findet sie sich auf dem Boden wieder. Der Sand brennt in den offenen Wunden an ihren Knien. Aber der Schmerz ist nicht wichtig. Panisch fasst sie an ihren Hals. Wo ist es? Wo ist es denn bloss? Doch da hängt nichts mehr um ihren Hals. Ihr Herz setzt einen Schlag aus. Sie tastet den Sand ab und erfühlt ein Stück Stoff. Da! Gott sei Dank! Sie nimmt das Ledertäschchen vom Boden, küsst es mehrmals, presst es an ihre Brust und schliesst die Augen. Die drei Elementarsteine sind noch da! Sie legt den Lederbeutel um ihren Hals und lässt ihn wieder unter ihr Tunikaoberteil verschwinden. Dann zieht sie sich ächzend an einem Palmenstamm hoch und geht weiter, ohne den Sand von ihrer Kleidung zu wischen.
Von einem Augenblick auf den anderen ändert sich die Landschaft. Die Palmen verwandeln sich auf magische Weise in knochige, blätterlose Baumsilhouetten. Die Luft prickelt vor Magie. Es ist das vierte Mal, dass sie dieses Kribbeln spürt. Das ist ein gutes Zeichen. Sie ist dem vierten und letzten Elementarstein nahe. Von irgendwo tief in ihr drin schöpft Ama neue Kräfte. Ihre Muskeln lockern sich und es kommt ihr so vor, als würde ihr das Atmen leichter fallen.
Nach kurzer Zeit lichtet sich der unheimliche Wald und vor ihr befindet sich ein kleiner Höhleneingang. Ama schliesst die Augen und atmet einmal tief durch. Es ist so weit. Was auch immer sie auf der anderen Seite erwartet, sie wird es bezwingen. Ama geht auf den Höhleneingang zu und übertritt die Grenze zum Reich des Wasserdrachens.


Die Höhle ist von innen viel grösser, als sie von aussen den Anschein hat. Die Wände sind übersät von türkisfarbenen Kristallen. Eben war es noch heller Tag und nun dringt Mondlicht durch eine kleine Öffnung in der Decke. Die Kristalle glitzern mit dem kleinen See in der Mitte der Höhle um die Wette und kreieren ein zauberhaftes Lichtspiel. Im Gegensatz zum restlichen Teil der Insel wirkt die Ruhe hier friedlich. Als wäre die Zeit stehen geblieben. Tränen treten Ama in die Augen. Dieser Ort ist wunderschön. Eine sichere Zuflucht vor der Welt.
Da bewegt sich etwas auf der anderen Seite des Sees. Ama muss mit Schrecken feststellen, dass das Gebilde, das sie als funkelnden Felsen ausgemacht hat, ein lebendiges Wesen ist. Genauer gesagt liegt auf der anderen Seite ein riesiger Drache mit funkelnden, blauen Schuppen. Der Wasserdrache, Herr über die Verwunschene Insel und aller Weltmeere.
Der Drache hat den Kopf abgewandt. Aber auch in dieser Position sieht Ama die riesigen Flügel, die sich bei jedem Atemzug heben und senken, die spitzen Hörner auf dem Kopf, den kräftigen Schwanz und die scharfen Krallen der Hinterbeine, unter denen goldene Münzen hervorquellen.
Ama muss schlucken. Jetzt ist es nötig, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Wo ist der Wasserstein? Der Feuerstein befand sich am Arm, der Erdstein auf dem Herzen und der Luftstein auf dem Rücken des jeweiligen Drachens. Der Wasserstein muss sich also auch irgendwo am Körper des Wasserdrachens befinden.
Vorsichtig und sehr, sehr langsam nähert sich Ama dem Drachen. Jeder Schritt klingt für sie wie ein lauter Knall in der friedlichen Stille dieses Ortes. Doch der Drache bewegt sich nicht. Da tritt sie auf einen Kristallsplitter und er dringt in ihr geschundenes Fleisch ein. Ama kann ein Zischen nicht unterdrücken. Dieser unnatürliche Laut, der nicht an diesen Ort passt, sorgt dafür, dass der Drache aufschreckt und ruckartig den Kopf in ihre Richtung dreht.
Ihre Blicke treffen sich.
Der Drache hebt sein Maul und brüllt.
„Was sucht ein Mensch in meiner Höhle, in meinem Heim?“, spricht eine furchteinflössende Frauenstimme.
Mist! Ama schluckt ihre Angst hinunter und geht hinter einem Felsen in Deckung.
„Antworte, Eindringling!“
Ama bleibt still, während sie hört, wie der Drache auf sie zu kommt.
„Wie du willst…“
Der Drache holt tief Luft und speit einen Sturm aus Eis in Amas Richtung. Ama zieht schnell ihre Beine an den Körper und presst ihren Kopf auf die Knie. Obwohl der Fels das Meiste des Sturmes abfängt, wird die Luft um sie herum eiskalt. Ihre Kleidung bietet keinen Schutz vor dieser Kälte. Sie beginnt zu zittern und schlingt ihre Arme um sich selbst.
„Willst du mir jetzt verraten, was ich wissen will?“
Ama schreit auf und zuckt zusammen. Keine zwei Meter von ihrer rechten Seite entfernt ist der riesige Schädel der Drachendame aufgetaucht. Die eisblauen Augen des Drachens starren sie an und Ama erhascht einen Blick auf den Wasserstein, der sich mitten auf seiner Stirn befindet.
„Nun, Mensch, es gibt keinen Ort, an dem du dich hier verstecken kannst. Antworte mir und ich verspreche dir einen schnellen, schmerzfreien Tod. Weshalb bist du hier? Hast du es auf meinen Schatz abgesehen? Bist du ein Drachentöter auf Mission?“
Ama reckt ihr Kinn vor. Sie denkt an ihre Schwester Nala, die jetzt gerade in ihrem kleinem Zelt im Sterben liegt. Es gibt keinen Weg zurück. Nur nach vorne.
„Ich bin Ama vom Volk der Wandelnden Wüstenwinde und ich verlange nach dem Wasserstein.“
Verdutzt schaut die Drachendame Ama an. Dann lacht sie laut auf.
„Das ist putzig. Niemand hatte bisher den Mumm, so direkt zu fordern, weshalb er hierher gekommen ist. Nicht, dass das etwas geändert hätte. Ich hätte sie alle trotzdem gefressen.“
Der Drache legt den Kopf schief und betrachtet Ama schweigend, während diese weiterhin mit gerader Haltung da steht.
„Nun gut, Ama vom Volk der Wandelnden Wüstenwinde. Du hast dir meinen Respekt verdient. Ich bin Enja, der grosse Wasserdrache der Verwunschenen Insel und Wächter über den Drachenschatz und Wasserstein. Dein Mut beeindruckt mich, aber ich kann dir den Wasserstein nicht überlassen. Der Stein darf diese Höhle nicht verlassen. Ich werde dich töten, aber wisse, ich bedaure es ein wenig.“
Mit diesen Worten nimmt Enja einen tiefen Atemzug und speit erneut einen Eisstrom in Amas Richtung. Ama möchte weglaufen, aber sie rutscht auf dem Eis des ersten Angriffes aus und knallt der Länge nach hin. Dabei reisst das Band, an dem ihr Lederbeutel befestigt ist, und er rutscht einige Meter von ihr weg. Die drei Elementarsteine fallen heraus.
Der Drache kneift die Augen zusammen.
„Was ist das?“, fragt Enja mit gefährlich zischender Stimme, „sind das die Steine, die meine Geschwister bewachen sollten? Was hast du mit ihnen gemacht?“
Wütend und verzweifelt dreht sich Ama auf den Rücken.
„Ich habe sie besiegt“, schreit sie dem Drachen entgegen.
„Besiegt? Du kleines Menschlein? Das bezweifle ich sehr. Lüg mich nicht an! Wie bist du an die Steine gekommen?“
Ama rappelt sich auf.
„Ich lüge nicht. Einen nach dem anderen habe ich die Drachen bekämpft und besiegt. So bin ich an die Steine gekommen. Und nun hole ich mir den Wasserstein.“
Für einen Moment schaut Enja Ama schweigend an.
„Wie hast du es getan?“, möchte sie dann wissen.
„Ich zeige es dir“, mit diesen Worten rennt Ama humpelnd direkt auf Enjas Gesicht zu und wirft sich auf ihren Kopf, in der Hoffnung, den Stein auf der Stirn zu fassen zu kriegen.
Ama krallt sich fest, doch Enja brüllt auf und schüttelt ihren Kopf. Ama verliert den Halt, wird mit voller Wucht gegen die Höhlenwand geschleudert und fällt dann stöhnend auf den eisigen Boden.
„Mit solch dilettantischen Versuchen hast du meine Geschwister bestimmt nicht besiegt!“, schreit Enja laut auf, „wie hast du es also wirklich getan?“
Ama liegt auf dem Bauch und schnappt keuchend nach Luft.
„Wie?!“, schreit Enja jetzt so laut, dass die Höhlenwände zittern und ein hohes Klirren von den Kristallen widerhallt.
„Menschen sind gefährlich“, flüstert Ama.
„Was?“, fragt Enja irritert nach.
„Menschen sind gefährlich für Wesen wie dich“, wiederholt Ama, während sie sich langsam hochhievt und mit dem Rücken an der Wand sitzen bleibt.
„Wesen, die schon so lange auf der Welt sind, wie du es bist, vergessen das Gefühl der Vergänglichkeit“, fährt Ama fort, „ihr werdet übermütig. Ihr versteht nicht, was es heisst, Angst um jemanden zu haben. Ihr habt nichts zu verlieren, ich dafür alles. Weisst du überhaupt noch, wie die Welt ausserhalb dieser Höhle aussieht? Wie liebenswert und lebensfroh die Menschen sind? Wofür tust du das alles? Anstatt diesen blöden Stein zu beschützen, könntest du jetzt die Welt bereisen.“
Enja schnaubt.
„Ich habe schon die ganze Welt bereist und alle möglichen Menschenvölker kennengelernt. Ich war nicht sonderlich beeindruckt. Ich habe Egoismus und Habgier gesehen. Fremde sind nicht willkommen. Erst recht nicht solche, die anders aussehen oder anders denken.“
Enjas Worte berühren einen Teil in Amas Seele, aber sie lässt sich davon nichts anmerken.
„Genug mit dem Gequatsche. Mit diesem Schwachsinn hast du meine Geschwister bestimmt nicht überlistet.“
„Doch, habe ich!“, kontert Ama, „ich habe sie ausgetrickst. Mit allem was ich kann, mit allem was ich habe und allem was ich bin.“
Sie ignoriert den Umstand, dass sie dabei aber in deutlich besserer Verfassung war als sie es nun ist.
„Schluss jetzt. Ich habe genug gehört, nimm dein Geheimnis ruhig mit ins Grab. Es ist mir mittlerweile egal. Beenden wir diesen lächerlichen Kampf!“
Enja schnappt mit dem Maul nach Ama, aber diese kann sich im letzten Moment noch herumrollen. Sie atmet schwer. Die Kälte hat ihre Knochen erreicht und es brennt. Es brennt wie Feuer von innen.
Sie stöhnt auf, was Enja nicht entgeht.
„Sag mir, kleines Menschlein, wieso tust du dir das an? Wir wissen beide, dass du diese Höhle nicht lebend verlässt. Du bist angeschlagen und schon vorher warst du nicht sonderlich stark oder klug oder schnell. Meine Geschwister müssen faul geworden sein. Aber an mir kommst du nicht vorbei. Lass los, dann werde ich auch schnellen Prozess mit dir machen.“
„Ich gebe nicht auf“, knurrt Ama durch zusammengebissene Zähne zurück, „meine Familie zählt auf mich.“
Enja schnaubt.
„Du bist allein hier. Niemand wird sich an dich oder deine Taten erinnern. Sie sind bedeutungslos.“
„Das ist nicht wahr!“
„Und wieso ist niemand mit dir mitgekommen?“
Ama bleibt still.
„Nun?“, fragt Enja etwas lauter.
„Sie haben nicht daran geglaubt.“
Erwartungsvoll schaut Enja Ama an.
„Sie haben nicht an die vier Elementarsteine geglaubt. Ich aber schon.“
„Das meine ich! Menschen sind ekelhaft. Was ihnen fremd ist, was sie nicht kennen oder nicht verstehen, macht ihnen Angst. Sie ignorieren es. Schau dich an: Sie haben dich alleine ziehen lassen, dachten du wärst nur eine Verrückte, die ihrem eigenen Tod entgegen geht. Und für solche Kreaturen möchtest du dein Leben opfern?“
„Ich liebe sie. Ich würde alles für sie tun. Würdest du nicht das Gleiche für deine Geschwister tun?“
Enja gibt ein Geräusch von sich, das wie ein Nasenrümpfen klingt.
Ama versucht wieder aufzustehen, aber sie fällt zurück. Tränen der Verzweiflung rinnen ihre Wangen hinab. Es ist nicht fair. So kurz vor dem Sieg… Sie lässt ihren Kopf nach hinten fallen. Es ist vorbei.
„Mensch, beenden wir jetzt diese Farce.“
Enja möchte schon ein weiteres Mal nach Ama schnappen, aber diese hebt schwach den Arm.
„Warte kurz“, flüstert sie und Enja hält tatsächlich inne, „ich möchte noch ein paar letzte Worte sagen, das gestehst du mir doch zu, als ehrwürdiger Drache, der du doch bist, oder?“
Enja überlegt kurz, dann nickt sie mit ihrem riesigen Drachenschädel.
„Ich möchte dich bitten, es dir noch einmal zu überlegen. Führe die Elementarsteine zusammen und rette so meine Familie, mein Volk. Ja, es gibt schwarze Schafe unter den Menschen, aber sie haben es nicht verdient so zu enden. Und ich möchte, dass du weisst, dass es für mich in Ordnung ist. Ich habe getan, was ich tun musste und du tust, was du tun musst.“
Damit schliesst Ama ihre Augen. Enjas scharfe Zähne sind schon bereit und nur wenige Zentimeter von ihrem Körper entfernt. Aber als sie diese Worte hört, zieht sie sich zurück.
„Was meinst du damit, Mensch?“
Ama öffnet wieder die Augen, erstaunt darüber, dass sie noch am Leben ist.„Naja, du bist dazu da, den Stein zu beschützen und jeden Eindringling zu töten, oder etwa nicht? Du kannst einfach nicht anders. Also vergebe ich dir. Mein Tod soll nicht deine Schuld sein.“
Erzürnt erhebt Enja sich in die Luft und fliegt einmal um die Höhle.
„Ich? Der grosse Wasserdrache der Verwunschenen Insel ein Sklave seines Daseins? Was fällt dir ein, Mensch! Nichts auf dieser Welt schreibt mir vor, was ich zu tun und zu lassen habe.“
„Nicht?“, fragt Ama erstaunt, „hast du nicht gerade vorhin gesagt, dass das dein Lebensinhalt ist? Dafür zu sorgen, dass der Wasserstein diese Höhle nicht verlässt?“
„Halt den Mund, Mensch!“
Der Wasserdrache schlägt mit dem Schwanz auf Ama ein und das ist der Todesschlag. Sie weiss es. Das war‘s. Sie hat alles versucht, aber das ist das Ende.
Amas Welt verschwimmt in Dunkelheit.


Ama öffnet ihre Augen und starrt hinauf zur Decke des Zeltes. Moment mal… Sie kennt dieses Zelt. Ruckartig setzt sie sich auf. Das ist das Zelt ihrer Schwester Nala!
„Du bist wach!“
Nala tritt freudestrahlend in den Raum. Sie sieht putzmunter und überglücklich aus. Als Ama sie hier gelassen hat, war sie so schwach, dass sie sich nicht einmal bewegen konnte.
Ama kommen die Tränen. Sie schwingt sich aus dem Bett und eilt auf ihre Schwester zu. Die beiden umarmen sich stürmisch.
„Du hast es geschafft! Du hast es wirklich geschafft. Niemand hat an dich geglaubt, aber du bist trotzdem losgezogen und hast uns alle gerettet. Die magischen Steine haben wirklich gewirkt! Allen geht es gut, alle haben überlebt. Die Natur hat sich wieder erholt. Das alles nur dank dir!“
Nach einer Weile setzen sich Nala und Ama auf die Bettkante.
„Wie bin ich hierher gekommen?“, fragt Ama irritert. Erst jetzt bemerkt sie, dass alle ihre Wunden komplett verheilt sind. Wie hatte sie den Wasserdrachen besiegen und dann auch noch den Weg zurück zu ihrem Dorf finden können?„Wir wissen es nicht. Vor einer Woche fingen die Leute an, sich einfach so zu erholen. Dann lagst du eines Tages am Strand und wir wussten, dass es dir gelungen sein musste, die Elementarsteine zu finden und zu vereinen. Wir haben dich aufgepäppelt. Du sahst wirklich schlimm aus. Wir haben ja so viele Fragen an dich! Aber zuerst werde ich Yaris holen. Er wird sich so darüber freuen, dass du aufgewacht bist.“
Fragen hat Ama selbst genug. Aber im Moment möchte sie sich nur vergewissern, dass es den anderen im Dorf gut geht.
„Ich möchte mitkommen.“
„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist. Du bist noch zu schwach.“
„Mir geht es gut. Ich bin wieder wie neu. Glaub mir. Bitte lass mich mitkommen, ich möchte unbedingt die anderen sehen.“
Nala schaut Ama abschätzend an.
„Also gut, aber überanstreng dich bitte nicht.“
Gemeinsam gehen Nala und Ama an den Strand. Dort treffen sie auf Kinder, die lachen und herumtoben, während die Männer sich mit Würfelspielen beschäftigen und die Frauen gegenseitig ihre Haare flechten.
„Es ist ja alles so, wie es vorher war“, flüstert Ama fast enttäuscht.
„Ja“, antwortet ihre Schwester verwirrt, „wieso? Sollte es denn nicht wieder so sein, wie es vorher war?“
Ama dreht sich einmal um die eigene Achse. Alle gehen ihren normalen, alltäglichen Dingen nach, als wäre nichts gewesen. Die Leute, denen sie begegnet, nicken ihr kurz anerkennend zu und widmen sich dann wieder ihren üblichen Tätigkeiten.
„Ich weiss nicht“, antwortet Ama.
Sie ist extra dafür losgezogen, um die Elementarsteine zu finden: Damit ihr Volk wieder gesund wird und ihr Leben weitergehen kann. Aber eigentlich hätte Ama gedacht, dass die Leute sich nach diesen Ereignissen verändert hätten. Denn Ama selbst hat sich verändert. So viel ist geschehen, so viel hat sie erlebt.
Ama beschleicht eine eigenartige Empfindung. Schon vor ihrer Reise hatte sie das Gefühl, hier fehl am Platz zu sein. Jetzt ist dieses Gefühl noch stärker. Etwas Grosses ist geschehen. Sie hat bewiesen, dass die Geschichten, die ihre Eltern ihr erzählt haben, wahr sind. Wie sollte sie jetzt so einfach mit ihrem Leben weiter machen? Da draussen wartet so viel mehr auf sie!
Plötzlich ertönen Schreie vom Ufer. Nala und Ama schauen sich an und erbleichen. Das letzte Mal, als so geschrien wurde, war der Anfang dieses Alptraumes. Ein kleines Mädchen wurde damals das erste Opfer der mysteriösen Krankheit. Von einem Moment auf den anderen ist sie am Strand zusammengebrochen. Die Schwestern eilen zur Küste.
„Da ist etwas im Wasser! Da ist etwas im Wasser!“, schreien die Männer immer wieder. Sie rennen zurück zum Dorf, um ihre Waffen zu holen. Nala und Ama bleiben vor Ort und starren ins Wasser.
Zuerst können sie nichts erkennen, aber dann teilen sich die Wellen und ein riesiger blauer Drache durchbricht die Wasseroberfläche und brüllt furchterregend in die Luft.
Die Leute, die am Strand zurückgeblieben sind, rennen schreiend zurück zum Dorf.
„Oh mein Gott, Ama, schnell, wir müssen weg!“, kreischt Nala und packt Ama beim Arm. Aber Ama bleibt stehen. Sie hat keine Angst. Sie lächelt.„Eindrucksvoller Auftritt“, ruft sie dem Drachen entgegen.
Als Amas Worte Enja erreichen, neigt diese den Kopf und nähert sich ihr.
„Ich bin ein Wasserdrache. Natürlich bin ich eindrucksvoll“, antwortet sie.
„Und so bescheiden“, gluckst Ama.
Mit weit aufgerissenen Augen beobachtet Nala die Unterhaltung zwischen dem Drachen und ihrer Schwester.
Dann wird Ama ernst.
„Bist du hier, um dich zu rächen?“, fragt sie ruhig.
Irritert runzelt Enja ihre schuppige Stirn.
„Wofür?“
„Dafür, dass ich dich besiegt habe.“
Daraufhin lacht Enja laut auf und kriegt sich kaum wieder ein.
„Du hast mich nicht besiegt, du dummer Mensch.“
„Habe ich nicht?“, fragt Ama verwirrt nach.
„Nein, natürlich nicht.“
„Ich verstehe nicht. Was ist dann in der Höhle geschehen?“
Enja zuckt mit den Achseln, was bei einem Drachen wirklich eigenartig aussieht.
„Ich habe beschlossen, dass ich mir lieber noch einmal die Welt anschauen möchte, anstatt weiterhin Menschen zu fressen, die meine Höhle betreten. Das ist einfach langweilig. Und du hast mir die Welt mit ihren Menschen schmackhaft gemacht. Also liess ich dich leben. Jetzt habe ich Lust auf ein Abenteuer.“
Ama lacht ungläubig auf.
„Das freut mich für dich“, antwortet sie aber dann und fragt angesichts Enjas seltsamer Formulierung zur Sicherheit noch einmal nach: „Und du wirst die Menschen, die du triffst, nicht fressen?“
„Das“, antwortet Enja, „werden wir noch sehen. Aber immerhin habe ich dein kleines Dorf hier nicht sterben lassen.“
Erst da bemerkt Ama, dass jetzt vier Elementarsteine auf Enjas Stirn thronen. Die Drachendame hat nicht nur Amas Leben verschont. Sie hat die magischen Steine vereint und mit ihrer Macht das Wüstenland und ihr Volk geheilt!
„Oh mein Gott“, flüsterst Ama, „das warst du? Du hast uns alle gerettet, obwohl du die Menschen überhaupt nicht magst?“
„Naja“, fährt Enja zögerlich fort, „es gibt zumindest einen Menschen, der mich beeindruckt hat.“
Ihre Worte erfreuen Ama und machen sie zugleich unglaublich stolz.
„Und?“, fragt Enja erwartungsvoll.
„Was und?“
„Kommst du mit mir mit, Ama vom Volk der Wandelnden Wüstenwinde?“
Sprachlos greift Ama sich an den Hals.
Die Welt bereisen, Abenteuer erleben, Bösewichte bekämpfen und alles gemeinsam mit einem witzigen, intelligenten und mächtigen Wasserdrachen? Nichts würde sie sich sehnlicher wünschen.
„Ich danke dir von Herzen für alles, was du für mich und mein Volk getan hast. Aber ich kann nicht“, antwortet Ama, „meine Familie braucht mich.“
„Wofür?“, fragt Enja zweifelnd nach.
Ama denkt an ihr langweiliges Leben vor der magischen Krankheit zurück.
„Um Wasser zu holen, um die Felder zu bearbeiten, um die Tiere zu versorgen und auf die Kinder aufzupassen…“
Bevor Ama fortfahren kann, wird sie von ihrer Schwester unterbrochen.
„Geh.“
Ama dreht sich zu Nala um. Diese hat Tränen in den Augen, aber sie lächelt sie an.
„Geh mit dem Drachen, Ama. Du hast immer so sehnsuchtsvoll auf den Ozean geschaut. Du möchtest nicht hier sein. Du möchtest wissen, was da draussen sonst noch alles ist. Wir kommen zurecht. Du hast die vier Elementarsteine gefunden und uns alle gerettet. Jetzt musst du das tun, was dich selbst glücklich macht.“
Die Worte treffen Ama mitten ins Herz und sie weiss, dass es jetzt Zeit ist zu gehen.
„Oh, Nala“, flüstert Ama und umarmt ihre Schwester, „ich liebe dich über alles. Und ich liebe Yaris und die Kinder. Bitte sag ihnen das.“
„Das wissen sie schon“, flüstert Nala.
„Wenn ihr in Gefahr seid, werde ich euch finden. Ich werde immer da sein, um meiner Familie zu helfen.“
Nala umarmt ihre Schwester noch fester.
„Pass auf dich auf.“
Ama löst sich langsam aus der Umarmung, schaut noch einmal zurück zu ihrem Dorf und klettert schliesslich auf Enjas Rücken.
„Halt dich gut fest“, ruft diese nach hinten.
„Ich bin bereit!“, antwortet Ama.
Mit diesen Worten steigen Wasserdrache und Mensch in die Lüfte empor.

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