Abgründe und Erkenntnis – Mischwesen in der griechischen Mythologie

Die alten Mythen und Legenden sind voll von ihnen; Figuren, die weder dem Menschen- noch dem Tierreich eindeutig zugeordnet werden können. Wenn man den Kontext bedenkt, in dem diese Figuren eingebettet sind, verwundert es nicht, dass sie neben Göttern und Halbgöttern, Riesen und Ungeheuern einen festen Platz in den alten Geschichten einnehmen. Aber wie wurden diese Wesen geschaffen? Welche Eigenschaften zeichneten sie aus? Welche Bedeutung könnten sie haben?

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Inhaltsverzeichnis

Mischwesen in der griechischen Mythologie

Held und Unterwelt – Überwindung des Minotaurus

Eine der bekanntesten Gestalten ist der Minotaurus – ein Ungeheuer mit einem muskulösen männlichen Körper und einem Stierkopf, das in einem unterirdischen Labyrinth gefangen gehalten wird. Schon seine Zeugung steht unter keinem guten Stern. König Minos erhält von seinem Onkel Poseidon einen anschaulichen Stier, den er opfern soll. Aber Minos möchte den Stier behalten und opfert ein anderes Tier. Erzürnt legt Poseidon einen Fluch über Minos‘ Frau Pasiphaë, die sich zu dem Stier hingezogen fühlt. Aus dieser Vereinigung entsteht der Minotaurus.

Bereits hier verknüpfen sich unterschiedliche Motive: Minos betrügt seinen Onkel, indem er ihrer Vereinbarung nicht nachkommt, Poseidon nimmt Rache an Minos und löst in seiner Frau ein unnatürliches Verlangen aus, das in einer falschen Handlung mündet. Der menschliche Kopf, als Sitz der Vernunft und des Verstandes, wird bei der Gestalt des Minotaurus durch den Stierkopf ersetzt, das Animalische und Unvernünftige spiegelt sich auf diese Weise auch im Äußerem wider. Der Minotaurus erscheint nicht als eigenständige Figur, sondern symbolisiert die dunklen, animalischen Eigenschaften des Menschen.

Um die Schande als Ausdruck der Grenzüberschreitung zu verbergen und die scheinbare Ordnung wiederherzustellen, die Angst und Beschämung in ihre Grenzen zu weisen, wird ein unterirdisches Labyrinth errichtet, in dem der Minotaurus eingesperrt wird. Doch damit ist es noch nicht genug: Der Minotaurus kann nicht einfach vergessen werden, regelmäßig müssen ihm Opfer dargebracht werden. Da das Labyrinth so dunkel und verschlungen ist, und in seiner Mitte der gefährliche Minotaurus wartet, gelingt es keinem der menschlichen Opfer, zu fliehen.

Einige Zeit später bricht Theseus auf, ein junger Held, der den Minotaurus töten will. Er ist die erste Figur, die sich nicht dem scheinbar naturgegebenen Schicksal hingeben und weitere Menschenopfer akzeptieren möchte. Als erste Figur geht er also mit der Angst vor dem Minotaurus anders um, indem er sich dieser stellen möchte. Er trifft auf Ariadne, die sich in ihn verliebt und ihm helfen möchte, den Minotaurus zu besiegen. So gibt sie ihm ein Schwert und einen Faden, den er am Eingang des Labyrinths befestigen soll, um den Weg hinaus zu finden.

Theseus‘ Reise in das Labyrinth steht symbolisch für ein Hinabtauchen in die menschlichen Abgründe. In der Mitte des Labyrinths erwartet ihn der Minotaurus als Personifikation des Animalischen.

Es gelingt Theseus, den Minotaurus zu töten und durch sein vorausschauendes durch den Verstand bestimmtes Handeln – wenn auch mit äußerst einfachen Mitteln – aus dem Labyrinth zu gelangen.

Die Geschichte um den Minotaurus handelt also auch von dem Umgang mit den Dunklen, animalischen Seiten des Menschen und deren Überwindung durch den Verstand.

Weiser Freund der Götter – Der Zentaur Cherion

Ein Pferdekörper mit einem menschlichen Oberkörper beschreibt den Zentauren Cherion. Er ging aus einer Verbindung zwischen Philyra und Kronos, der sich für die Vereinigung in eine Pferdegestalt begeben hatte, hervor.

Obwohl seine Mutter von seiner Erscheinung enttäuscht ist, besteht zwischen ihm und den Göttern eine herzliche Verbindung. Zahlreiche Halbgötter werden ihm übergeben, um ihre Ausbildung wegweisend zu begleiten, für seine Weisheit und sein medizinisches Können wird er hoch geschätzt. Außerdem geht er eine Verbindung mit der Najade Chariklo ein, aus der ein Nachkomme resultiert.

Cherions Charakter steht im Kontrast zu den Eigenschaften, mit denen die anderen Zentauren beschrieben werden. Wild und stürmisch, brutal und kompromisslos geben sie sich den tierischen Instinkten hin, die sich in ihrem äußeren Erscheinungsbild spiegelt. Cherion hingegen hat diese animalischen Triebe durch den Verstand überwunden und zur Weisheit gefunden und wird so zum Sinnbild der Reflexion und des Verstandes.

Den Abschluss dieser Entwicklung zeigt auch seine finale Entscheidung: nach einer schmerzhaften Verwundung entscheidet er sich gegen seine naturgegebene Unsterblichkeit und handelt so aufgrund seines Verstandes. Noch dazu stellt dies einen Akt der Güte dar, denn Cherion bezahlt mit seiner Unsterblichkeit den von Zeus geforderten Preis für die Freiheit von Prometheus.

"Was geht am Morgen auf vier Füßen" – Das Rätsel der Sphinx

Auf dem Berg Phikion hausend, stellt die Sphinx eine große Bedrohung für alle Reisenden dar. Die aus der inzestuösen Verbindung des Mischwesen Echidna mit ihrem Sohn Orthros entstammende Figur vereint mehrere Lebewesen in sich. Ihr Körper ist der eines Löwen, außerdem hat sie einen Schlangenschwanz, Flügel und einen weiblichen Kopf.

Schon durch ihre Beschaffenheit eröffnen sich unterschiedliche Deutungsansätze. Der Löwenkörper steht für Willenskraft und Stärke, der Schlangenschwanz verweist auf den Aspekt der List und der Doppelzüngigkeit. Diese Eigenschaften gepaart mit dem Geist eines Menschen, der durch den Kopf symbolisiert wird und die Möglichkeit, naturgegeben durch die Flügel eine andere Perspektive einzunehmen, lassen die Sphinx fast unüberwindbar erscheinen. Kein Wunder also, dass sie die Reisenden auf ihrem Weg aufhält und ihnen eine rätselhafte Frage stellt. Scheitert ein Reisender an der Antwort, frisst die Sphinx ihn und stellt so eine Bedrohung für die gesamte Menschheit dar.

Der Reisende steht symbolisch für den Lebensweg eines Menschen und das Rätsel der Sphinx für die Fragestellungen, die einem Menschen begegnen. Diese können aber nicht einfach gelöst werden, sondern müssen mit dem Verstand und mit Weitsicht überdacht, kontextualisiert und begriffen werden, sodass eine Form der (Selbst)Erkenntnis erlangt wird. Das Einverleiben steht einerseits symbolisch dafür, sein Wissen zu erweitern, aber auch, dass Unwissenheit und Unbedachtheit immer von Wissen überflügelt und unterjocht werden.

Schließlich gelingt es Ödipus, oberflächlich die richtige Antwort zu geben. Voller Verzweiflung stürzt sich die Sphinx in den Abgrund und zerschellt dort – doch die Gefahr ist nicht für lange gebannt, in anderer Gestalt wird sie noch für viel Unruhe sorgen.

Neben diesen drei Beispielen gibt es noch zahlreiche weitere Mischwesen in der griechischen Mythologie, die andere Aspekte aufgreifen und andere Interpretationsmöglichkeiten eröffnen. Häufig steht aber das Konzept des animalisch Triebhaften oder Unterbewussten der Erkenntnis und dem Verstand gegenüber. Neben der Faszination für das Andere und das Fremde ist das wohl auch ein Grund, warum diese alten Geschichten noch immer gern gelesen und auch heute noch in modernen Bearbeitungen aufgegriffen, verfremdet und interpretiert werden.

Autorin: Sabine Grote (Gast)

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