Märchen und Mythen

Dornröschen, Schneewittchen, die Gute Fee, Rapunzel und viele viele Helden mehr kennen wir ganz sicher alle noch aus unserer Kindheit. Aus keinem Kulturkreis dieser Welt sind sie wegzudenken: Märchen, Mythen, Sagen und Legenden.

Doch wirken sie in unserer modernen, digitalisierten Welt nicht wie ein uraltes Relikt. Etwas längst aus der Mode gekommenes Überbleibsel vergangener Epochen? Lesen wir unseren Kindern heute nicht lieber moderne, nach aktuellen Werten geschriebene Geschichten vor, als blutige Geschichten aus längst vergangenen Zeiten?

Das mag sein. Doch sie sind keinesfalls tot und sie laufen auch nicht Gefahr, in nächster Zeit vergessen zu werden.

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Märchen, Mythen, Sagen und Legenden

Denn: Noch immer nutzen viele Autoren und Musiker die alten Geschichten als Inspirationsquelle. Ist es dir noch niemals passiert, dass du dich in eine sagenhafte, mittelalterliche Welt hineingeträumt hast, in der du als strahlender Held auf die Jagd nach einem Drachen gegangen bist? Oder warst du mal das Burgfräulein, das gerettet werden wollte? Da sind sie!

Schon so berühmte Autoren wie J.R.R. Tolkien und Ottfried Preussler haben sich von den alten Kindergeschichten inspirieren lassen.

J.R.R. Tolkien verschlang neben der irischen, britischen und walisischen Mythologie sogar das finnische Nationalepos und Preusslers Krabat ist die Adaption einer alten sorbischen Sage, die noch heute gerne neu aufgegriffen wird.

Der Unterschied zwischen Märchen, Mythen, Sagen und Legenden

Wo aber liegt nun genau der Unterschied zwischen den Gattungen und was sind sie eigentlich genau?

Beginnen wir mit dem Unterschied zwischen Märchen und Sagen. Von den Sagen unterscheidet das Märchen vor allem, dass im Märchen jenseitige und diesseitige Welt nicht strickt voneinander getrennt werden. Auch haben Sagen oft einen ‚wahren Kern‘, sprich ein auslösendes Ereignis oder einen auslösenden Ort. Auch sind sie oft regional zu verorten.

Bei Mythen handelt es sich vermutlich um die älteste der hier aufgezählten Gattungen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie versuchen, Phänomene zu erklären, die der Mensch früher nicht verstehen konnte, und sind oft die Grundlage religiöser Gesamtkonzeptionen, wie z.B. im antiken Griechenland.

Eine Legende liegt irgendwo dazwischen. Sie entstand oft auch aus dem Bedürfnis heraus, etwas Unerklärliches zu erklären, hat jedoch meistens ebenso wie die Sage einen ‚wahren Kern‘.

Verschiedene Wege, sich den alten Erzählschatz zunutze zu machen

Es gibt sehr viele verschiedene Möglichkeiten, um aus dem schier unerschöpflichen Quell der alten Erzählungen zu schöpfen. Wie bereits oben angesprochen, gab und gibt es eine Menge Autoren und andere Künstler, die sich von den alten Geschichten inspirieren lassen. Hierbei gibt es ganz verschiedene Wege, mit ihnen umzugehen.

1. Neuerzählungen

Der wohl naheliegendste Weg ist eine schlichte Neuerzählung. Hierbei nimmt man eine der alten Geschichten und erzählt sie (entweder klassisch oder auf unsere Zeit angepasst) neu. Da es sich um Allgemeingut handelt, ist dies (zumindest bei den klassischen Märchen, Sagen, Legenden und Mythen) weder rechtlich noch gesellschaftlich ein Problem.

Disney hat so gut wie jedes Märchen der Gebrüder Grimm neu erzählt. Ottfried Preusslers Buch Krabat erzählt die sorbische Sage Krabat neu.

Bringt man den Erzählstoff allerdings in unsere Zeit, handelt es sich schon eher um den zweiten weg: eine Adaption.

2. Die Märchenadaption

Adaption bedeutet so viel wie anhängen. Sprich: Bei einer Adaption hängt man sich an den ursprünglichen Erzählstoff dran und macht etwas Eigenes daraus. Allerdings ohne die ursprüngliche Geschichte dabei komplett über Bord zu werfen. Das bedeutet: Man macht nicht einfach aus Schneewittchen von Anfang an die böse Hexe. Wenn, dann muss sie es im Laufe der Geschichte erst werden.

Adaptieren kann z.B. bedeuten, dass man ein Märchen in die Jetzt-Zeit versetzt. Oder, man erzählt die Geschichte weiter, so wie ich es in meinem Buch „Das Ende aller Märchen“ getan habe.

In eine Adaption kann man sehr viel mehr Eigenes mit hinein bringen.

3. Herauspicken einzelner Personen oder Fabelwesen

Nun kommen wir zum dritten Weg, wie man den alten Stoff für sich nutzen kann: Indem man einzelne Topoi, Wesen oder Personen entnimmt.

So zum Beispiel den Drachen aus der Siegfriedlegende. Oder Thor aus dem nordischen Mythos. Hier ist man dann noch wesentlich freier und kann daraus machen, was man möchte.

Beispiele hierfür gibt es reichlich. Wohin man in der Fantasy und im Film sieht, stößt man auf Wesen oder Topoi, die bewusst oder unbewusst (manchmal merkt man ja auch gar nicht, woher die Idee kommt) den alten Stoffen entnommen worden sind. Das geht von der bösen Stiefmutter/den bösen Stiefschwestern bis hin zu den allgegenwärtigen Drachen, Elfen und Riesen.

Prominente (und unprominete) Beispiele

1. "Krabat" von Ottfried Preussler

Bei Ottfried Preusslers Krabat handelt es sich um eine Nacherzählung der Sage Krabat. Zwar füllt er die Personen der Sage mit Leben, doch er fügt der Sage nichts relevant Neues hinzu und ändert auch nichts stark ab.

2. "Reckless" von Cornelia Funke

Ein sehr aktuelles Beispiel ist die „Reckless“ Reihe von Cornelia Funke. Nach und nach baut sie in ihre fantastische Welt hinter dem Spiegel Märchen, Sagen und Legenden aus der ganzen Welt ein. Hierbei handelt es sich eher um eine freie Inspirierung, als um Nacherzählung oder Adaption.

3. "Percy Jackson" von Rick Riordan

Auch bei Percy Jackson handelt es sich um eine (eher freie) Adaption. Die Wesen aus den Mythen kommen hier zwar vor, allerdings werden sie interpretiert und in eine völlig neue Geschichte verwoben.

4. "Das Ende aller Märchen" von Marlene Roth

In meinem Roman habe ich die Märchen der Gebrüder Grimm adaptiert und eine Geschichte aus der Frage gewoben, was mit all den Märchenfiguren geschieht, nachdem ihre Geschichte zu Ende erzählt ist. In meiner Version hält die gute Fee sie in der Märchenwelt gefangen, ohne dass sie altern und krank werden. Allerdings geschieht auch nicht mehr wirklich etwas Neues und die Figuren langweilen sich quasi zu Tode. Deswegen schmiedet Dornröschen mit ihren Freundinnen einen Plan, um entkommen zu können.

Hier handelt es sich um eine klassische Märchenadaption. Ich habe die Märchen auf meine eigene Weise interpretiert und ihnen etwas hinzugefügt, ohne aber den klassischen Stoff selber allzu sehr abzuändern.

Fazit

Märchen, Mythen, Sagen und Legenden sind keineswegs ‚veraltet‘. Vielmehr stellen sie einen unheimlich großen Schatz und Inspirationsquell dar, der einem wunderbare Geschichten bescheren kann, wenn man ihn für sich zu nutzen weiß.

Weiter geht es im Urban Fantasy Monat am 27.03 mit dem Thema „Mischwesen“.

Autorin: Marlene Roth (Gast)

Marlene Roth ist Lektorin und Selfpublisherin und hat 2020 selber eine Märchenadaption geschrieben.

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