Hexe I Kurzgeschichte

Ich sah Ihn das erste Mal, als mir der Wärter voller Wucht gegen den Rücken schlug. Meine gefesselten Hände konnten nichts tun, um den Sturz abzufangen. Ich knallte mit der verletzten Schulter auf die Pflastersteine. Heftig biss ich die Zähne zusammen und drehte den Kopf weg. Ich würde nicht schreien, aber die Tränen konnte ich nicht zurückhalten.
Da sah ich Ihn. Er schleppte gerade mit einer Gruppe Insassen schwere Steine für den Bau des neuen Gefängnistraktes heran. Er sah aus wie ein gewöhnlicher Häftling. Doch als sich unsere Blicke trafen, erkannte ich sofort, was Er war. Diese Narren wussten nicht, wen sie sich unter ihr Dach geholt hatten.
Für einen Moment vergass ich den Schmerz und lachte laut auf. Sofort packte mich der Wärter grob an den Armen und riss mich hoch.
„Was gibt es da zu lachen, Hexe? Ich muss dem Folterknecht wohl sagen, dass er dich morgen härter rannehmen soll.“
Das konnte er ruhig tun. Aber nichts würde mich dazu bringen, zu gestehen, eine Hexe zu sein, obwohl ich keine war. Wegen dieser Lüge hatten sie mir alles genommen.

In dieser Nacht schlief ich nicht. Ich wusste, dass Er zu mir kommen würde. Kurz nach der Geisterstunde war es soweit. Ich erkannte Seine Umrisse vor meiner Zelle.
„Seid Ihr wegen mir hier, Herr?“, flüsterte ich.
Er nickte.
„Lasst sie alle für mich brennen und ich werde Euch dienen. Egal was Ihr verlangt, ich werde es tun.“
Er verschwand ohne mir eine Antwort zu geben. Vor Enttäuschung und Wut konnte ich für einen Moment nicht atmen. Doch einen Augenblick später spürte ich, wie meine Wunden sich von selbst schlossen. Ich lächelte zufrieden. Sie wollten eine Hexe haben? Nun würden sie eine echte Hexe bekommen!

Jetzt stehen wir gemeinsam in dem Haus. Das Haus des Mannes, dessen Lüge für alles verantwortlich ist. Dieser Feigling, der mich zuerst geschwängert hat und danach alle Beweise für seine Untreue verwischen wollte. Er liegt nun tot am Boden, aber seine Frau lebt noch. Sie hält ihr Kind schützend in ihren Armen. So wie ich damals meine Anna in meinen Armen gehalten habe.
„Habt Erbarmen! Sie kann doch nichts dafür! Sie ist unschuldig!“, fleht die Frau schluchzend. So wie ich damals auch gefleht habe.

Ich hebe mein Gesicht zu meinem Meister und nicke ihm zu. Dann drehe ich mich um und verlasse das Haus. Bevor ich die Eingangstür schliessen kann, rieche ich den Rauch. Ich lächle. Die Welt soll brennen.

 

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