Hexe: Das Ende I Kurzgeschichte

Willst du wissen, wie die Geschichte der HEXE angefangen hat? Das kannst du gerne in folgender Kürzestgeschichte nachlesen: HEXE: DER ANFANG.

Anmerkung: Der folgende Text entstand als Schreibübung zu einer besonderen Perspektive. Der erste Absatz war vorgegeben und hat mich zu dieser Geschichte inspiriert.

Du spazierst durch einen Wald, schaust an den Bäumen hoch, siehst Licht und Schatten, riechst den Duft der Pflanzen, spürst den unebenen Boden unter deinen Füssen. Du kommst zu einer Lichtung, auf der eine Waldhütte steht. Du gehst auf die Hütte zu, bleibst vor der Tür stehen, betrachtest sie. Dann klopfst du an. Die Tür geht auf.

Vor dir steht eine junge Hexe. Ihre grossen Kulleraugen schauen dich überrascht an.

“Wer sind Sie?”, fragt dich die junge Frau und kneift nun ihre Augen misstrauisch zusammen. Diese kleine Hexe hier spürt, dass etwas in der Luft liegt. Deine Lippen kräuseln sich zu einem spöttischen Lächeln.

“Ich bin eine Reisende, mein Kind”, antwortest du, wobei dir nicht entgeht, wie sie sich bei dem Wort Kind aufrichtet und ihr Kinn hervorstreckt, “ich gehe überall hin, wo das Leben mich hinführt, um die verschiedensten Zauber zu erlernen. Ich bin jetzt schon ein Weilchen unterwegs, da habe ich dein zauberhaftes Häuschen entdeckt. Ich bitte dich von Schwester zu Schwester, könnte ich mich wohl kurz in deinem Zuhause aufwärmen? Es ist ein wunderschöner Herbsttag, aber meine alten Knochen spüren trotzdem den eisigen Wind hier draussen.”

Du nennst deinen Namen nicht. Man nennt in der Welt der Zauberei keine Namen, denn Namen verleihen Macht.

Die junge Hexe überlegt und zieht dabei eine Schnute. Das sieht richtig süss aus. Wirklich zum Kotzen. Schliesslich tritt sie in stummer Einladung zur Seite. Immerhin wurde sie von ihrer Mutter zur Freundlichkeit erzogen. Es ist jedes Mal dasselbe.

Du schreitest an ihr vorbei und befindest dich jetzt im Innern der Hütte, das hauptsächlich aus einem einzigen Raum besteht. Das wenige Licht, das durch die kleinen Fenster dringt, lässt die Staubkörner in der Luft glitzern. Gleich neben der Eingangstür bleibst du stehen. Hier befindet sich die Küche, deren Arbeitsfläche mit Schüsseln, Tiegeln, frischen und getrockneten Kräutern sowie verschiedenen Pasten übersät ist. An der gegenüberliegenden Wand steht ein hölzerner Tisch, der unter der Last der Bücherberge darauf jeden Moment einzustürzen droht. Es riecht muffig und alt und ein wenig nach Thymian und Salbei. Du gehst weiter und setzt dich auf das eine der beiden verbleichten Sofas, auf dem sich kein Bettzeug befindet. Im Kamin knistert ein Feuer.

Die junge Hexe schliesst die Tür, schnappt sich eine dampfende Kanne vom Herd sowie zwei Becher und kommt auf dich zu.

“Ich bin noch nicht lange hier. Ich weiss, die Hütte ist etwas rustikal, aber ich wollte unbedingt einen Ort, von wo aus ich die verschiedenen Gräser und Kräuter studieren kann. Hier ist es mir möglich, gleich nach dem Aufstehen loszuziehen und alles im Wald zusammen zu suchen, was ich brauche. Ich interessiere mich für die heilende Wirkung von Kräutern und ihre Anwendung in Zaubertränken.”

Sie ist also eine einfache Kräuterhexe. Innerlich musst du schnauben. Hexen, die sich nur mit Kräuterkunde beschäftigen, stellen einfach eine Verschwendung von Ressourcen dar. Seine Zauberkräfte dafür einzusetzen, um mit Pfefferminze Kopfschmerzen zu bekämpfen oder mit Bärlauch gegen Blähungen vorzugehen, ist einfach unwürdig. Hexen und Hexer sind für Grösseres geschaffen. Sie können in einem Augenblick Flüsse umlenken, Erdbeben erzeugen oder – wie du es selbst vorziehst – Häuser in Asche verwandeln. All das und so viel mehr ist möglich. Doch das sahen diese engstirnigen Puten aus deinem Hexenzirkel auch anders, weshalb sie dich dann verbannt haben. Wenn du aber mit deinem Projekt fertig bist, werden sie diesen Fehler bitter bereuen. Sie werden das Potential sehen, das du siehst.

Die Gedanken über die Vergangenheit machen dich wütend, trotzdem nickst du der jungen Hexe jetzt verständnisvoll zu und nimmst den heissen Tee dankend von ihr entgegen. Während sie ihre Ausschweifungen über die lokalen Halmgewächse fortführt, schaust du sie lächelnd an und lässt deine Aufmerksamkeit wieder aus dem kleinen Raum hinaus schweifen. Du fühlst draussen die Tannen, die sich im Wind wiegen, die Hasen, die in der Luft schnüffeln, spürst die Energie in den Sonnenstrahlen, das Wachsen jedes einzelnen Grashalms. Das alles verkörpert Macht, die nur darauf wartet, genutzt zu werden, dass sie jemand leitet und ihr einen Sinn gibt. Genau so wie diese kleine Hexe hier.

Aber jetzt wurde genug gefaulenzt. Es ist Zeit, an die Arbeit zu gehen.

“Ich verstehe Ihren Wissensdurst sehr gut, meine Liebe”, unterbrichst du den Wortschwall vor dir, “ich war genauso und habe gelernt. Jedoch haben mich weitaus anspruchsvollere Themen gereizt. Deshalb…. Werden Sie die folgenden Geschehnisse vielleicht verstehen.”

Und mit diesen Worten beschwörst du aus dem Nichts magische Fesseln herbei, mit denen du sie von einem Moment auf den anderen an Händen und Füssen fesselst sowie knebelst und sie so an Ort und Stelle hältst.

Die Augen der jungen Frau weiten sich panisch, als sie begreift, was mit ihr geschehen ist. Diesen Gesichtsausdruck an ihr magst du schon besser. Hektisch versucht sie ihre Fesseln loszuwerden. Sie zappelt und zerrt aber natürlich bleiben Fesseln und Knebel an Ort und Stelle. Du bist schliesslich kein Amateur. Als die Hexe bemerkt, dass ihre Anstrengungen gar nichts bewirken, versucht sie etwas zu sagen. Durch den Knebel verstehst du aber nur irgendwelche Mampflaute. Du verdrehst die Augen.

“Das kannst du dir alles sparen. Ich rate dir, ganz einfach still da zu sitzen und dich mit deinem Schicksal abzufinden. Aus Erfahrung weiss ich, dass du das wahrscheinlich nicht machen wirst aber es wäre so viel leichter für dich. Du musst das grosse Ganze sehen, es ist alles ein Spiel um die Macht. Es gewinnt nur, wer stärker ist. Und du wirst Teil der Siegerseite sein. Deine Macht führt mich zum Sieg! Und jetzt musst du mich entschuldigen, ich habe einen Zauber vorzubereiten.”

Machtübertragungs-Rituale sind vom Prinzip her ganz einfach. Du beschaffst dir ein Opfer. Das kann alles Mögliche sein, solange es lebt. Eine Pflanze, ein Tier, ein Mensch oder eben ein Hexer oder eine Hexe, wobei letztere die grösste Ausbeute hervorbringen. Du schaust auf die gefesselte Hexe auf dem Sofa, die dich mit Tränen in den Augen beobachtet. Das Opfer wäre vorhanden. Als weitere physische Zutaten braucht man nur noch eine Handvoll Kräuter und Gräser, bestehend aus Eisenkraut, Blutwurz, Efeu sowie Rosenblüten und Rosendornen. Du schnüffelst etwas in der Küche der Kräuterhexe herum. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Alle Zutaten sind vorhanden. Diese Hexenküche ist wirklich gut ausgestattet, das muss man der Kleinen schon hoch anrechnen. Du brauchst nicht einmal deinen eigenen Vorrat zu plündern, der sich in deinem kleinen Rucksack neben dem Sofa befindet. Schnell packst du die Kräuter zusammen und formst aus ihnen eine Kugel. Und fertig ist die Zündvorrichtung für den Zauber.

“Weisst du”, sagst du zu der kleinen Hexe, während du die Kräuterkugel beiseite legst, “ich kann es einfach nicht verstehen, wie man ein solches Geschenk wegwerfen kann. Eltern sagen ihren Kindern immer, dass sie alles werden können was sie wollen. Und für uns stimmt das wirklich! Aber so wenige nutzen ihr volles Potential aus!”

Du musst dir leider eingestehen, dass du am Schluss deiner Rede ganz schön geschrien hast. Deshalb hat die Hexe wieder mit ihren Befreiungsversuchen angefangen. Dabei durchbohrt dich ihr zorniger Blick.

Du gehst zurück zu deinem Zauber. Als Letztes braucht man für das Machtübertragungs-Ritual eine begabte Hexe oder einen begabten Hexer, geschickt genug, um den anspruchsvollen Zauber zu weben und stark genug, um die übertragene Macht in sich aufzunehmen und auch dort zu halten. Diese begabte Hexe bist natürlich du.

Nun ist alles bereit. Du schliesst die Augen und versuchst, deine gesamte Hexenmacht zu sammeln und auf deine innere Mitte zu konzentrieren. Doch jedes Mal, wenn du es fast geschafft hast, bringt dich das Wimmern und Poltern der gefesselten Hexe aus der Fassung. Das ist ja sowas von nervtötend. Am liebsten würdest du sie betäuben oder in etwas Stilles verwandeln, aber du kannst nicht riskieren, dass sich ein anderer Zauber mit dem Ritual überlagert und danach etwas schief geht.

“Hör sofort damit auf, dich die ganze Zeit zu winden”, schreist du sie stattdessen an, “das nützt dir überhaupt nichts. Alles, was du damit erreichst, ist mir gehörig auf die Nerv…”

Und in diesem Moment reisst die Hexe sich plötzlich von ihren magischen Fesseln los und springt dich an. Wie hat sie das nur gemacht?, ist dein erster Gedanke. Ein Fünkchen Respekt blitzt in dir auf, bevor du dich schnell von ihr wegduckst. Sie stolpert kurz, fängt sich aber schnell wieder und stürzt sich auf ihre Küche, von wo aus sie dich mit allen möglichen Zauberfläschchen bewirft. Diese Kleinkindzauberei ist lächerlich. Mühelos zerstörst du mit ein paar Feuerbällen jeden Zauber, bevor er dich erreichen kann und versuchst zwischendurch noch, die Hexe selbst zu treffen. Sie ist besser, als du erwartet hast. Geschickt weicht sie allem aus, was du ihr entgegen wirfst. Aber langsam gehen ihr die Zauber aus. Ihr wütender Blick fixiert dich und mit einem Schrei wirft sie die letzte Phiole auf dich zu. So eine Anfängerin. Als könntest du nicht auch diesen Zauber ganz leicht zerstören und dann steht sie mit nichts mehr da.

Mit der Hand erzeugst du einen Luftstoss und das Fläschchen zerbricht im Flug.

Da spürst du etwas Nasses an deinem Schienbein und schaust nach unten. Ein weiteres Fläschchen liegt zerbrochen am Boden. Sie hat zwei Zauber gleichzeitig geworfen, aber du hast dich nur auf den einen konzentriert. Plötzlich rammt sie dich mit der Schulter und du fällst zu Boden. Blut. Du hast dir auf die Lippe gebissen. Was für eine faszinierende Wendung. Du schaust nach oben ins Gesicht deiner Angreiferin.

“Dachtest du wirklich, dass dieser armseelige Wurf für meinen letzten Zaubertrank gedacht war?”, fragt die junge Hexe mit spöttischer Stimme.

Da spürst du, wie deine Beine taub werden. Es war also ein Lähmungszauber, der dich erwischt hat. Schnell breitet sich die Taubheit weiter nach oben aus. Du versuchst noch einen Gegenzauber aufzubauen, aber du bist schon zu schwach. Panik erfasst dich. Die junge Hexe steht derweil etwas unschlüssig da. Sie schaut von dir auf die Kräuterkugel, die du vorhin vorbereitet hast und beisst sich auf die Unterlippe.

Dann scheint sie eine Entscheidung getroffen zu haben, denn du siehst etwas Anderes in ihren Augen. Etwas, das du selbst sehr gut kennst. Gier. Sie hat das Spiel verstanden. Du lächelst und bist gespannt, was als Nächstes geschieht.

“Ich beschütze meinem Wald und jedes Lebewesen, das sich darin befindet! Ich dulde hier keine Eindringlinge, die den Frieden stören!”, ruft dir die Hexe entgegen.

Sie nimmt den Kräuterball in beide Hände, entzündet ihn mit magischem Feuer und beginnt den Zauber zu sprechen. Deinen Zauber. Sie kennt das Machtübertragungs-Ritual. Wie unerwartet. Und noch mehr überrascht es dich, dass sie es in diesem Moment gegen dich einsetzt. Sie überträgt deine Macht auf sich selbst. Du schliesst die Augen. Sie ist würdig. Du bist glücklich, ein Teil des Kreislaufes der Macht zu werden. Du bist bereit, die Schwelle zu überqueren.

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