Gogol I Kurzgeschichte

Der Wagen ist nicht da. Er sollte nun seit genau 45 Minuten hier stehen, also nehme ich an, dass der Fahrdienst nicht mehr kommt. Mein Vater wird ausrasten, wenn er von der Arbeit zurückkehrt. Er hält die Erdlinge sowieso schon für unzuverlässig und faul. Ich schaue mich um. Das Schulareal ist leer. Die Schüler und Lehrer scheinen alle schon gegangen zu sein. Ich könnte den Hausabwart suchen und ihn um Hilfe bitten. Aber das würde ich natürlich nicht tun. Das ist meine Chance, meinen Eltern zu beweisen, dass ich niemanden mehr brauche, der mich wie ein Kleinkind zur Schule bringt und von dort wieder abholt. Ich straffe meine Schultern, ziehe die Träger meines Rucksackes fest und mache mich zum ersten Mal in meinem neuen Leben alleine auf den Weg zu unserer Wohnung am Stadtrand.

An der roten Ampel am Ende der Strasse bleibe ich stehen. Ampeln sind schon eine merkwürdige Macke der Erdlinge. Sie lieben ihre rot-gelb-grünen Lichter. Das werde ich nie verstehen können. Wenn ein Auto kommt, bleibt man stehen, wenn kein Auto kommt, kann man gehen. So leicht ist das. Letztens stand ich mit dem Fahrdienst eine gefühlte Ewigkeit vor einer roten Ampel, obwohl weit und breit kein Auto und kein Fussgänger in Sicht war. Erdlinge sind wohl nicht sehr intelligent, wenn sie auf ein solches Ampel-System angewiesen sind. Die Ampel wechselt auf Grün und es ist mir endlich erlaubt, die Strasse zu überqueren.

Auf der anderen Seite ist schon die Bushaltestelle. Es stehen noch andere Leute da und starren in die Luft. Ich gehe an ihnen vorbei auf das Bushäuschen zu, um ein Busbillet zu kaufen. Ich weiss, dass meine Mitschüler eine sogenannte App auf ihrem Handy oder Tablet dafür verwenden. Das sind Programme, auf deren Hilfe die Erdlinge in fast allen Situationen angewiesen sind. Aber da mein Vater absolut dagegen ist, dass ich ein Handy oder Tablet besitze, muss es jetzt auch so gehen. Anhand der Zeittabellen und Karten finde ich ganz leicht heraus, wann der nächste Bus kommt, der in meine Richtung fährt und bei welcher Haltestelle ich aussteigen muss.

Beim Automaten kann ich einfach mein Ziel eingeben und schon halte ich das richtige Billet in der Hand. Das war ja kinderleicht, auch ohne die technischen Spielereien der Erdlinge. Dennoch würde ich gerne einmal nachvollziehen können, was meine Mitschüler an diesen Geräten finden. Als einziger marsianischer Schüler an einer Privatschule ist es nicht leicht, Kontakte zu den anderen Schülern zu knüpfen. Deshalb kann ich sie nicht einfach fragen, was sie so daran fasziniert. Meine Eltern können mir keine befriedigende Antwort geben. Sie warnen mich nur immer vor den Gefahren, die das Internet und die Social Medias mit sich bringen. Besonders eine Erdlings-Art namens Influencer macht ihnen Sorgen. Diese Wesen können sehr gefährlich werden. Ihnen scheint nicht immer bewusst zu sein, wie gross ihr Einfluss auf andere Erdlinge ist – gerade auf solche in meinem Alter.

Mein Bus fährt heran und haltet vor dem Bushäuschen. Die Türen gehen auf. Ich steige ein und setze mich in das einzige noch leere Viererabteil und schaue aus dem Fenster. Ich lasse die Strasse, den Lärm und die Geschäftigkeit des Feierabends an mir vorbei ziehen. Nach einer Weile blicke ich zum Himmel hinauf. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als nach Hause gehen zu können. Aber das ist nicht möglich. Mein Heimatplanet Mars ist nicht länger bewohnbar. So sehr ich auch die abgetragenen Krater und langen Rillen auf der roten Marsoberfläche liebte, waren sie doch Anzeichen für den fortschreitenden Austrocknungsprozess auf unserem Planeten.

Wo früher einmal riesige Flutwellen tobten und starke Regenfälle herrschten, gab es am Ende nur noch die Trockenheit, bis für uns schliesslich ein Leben auf dem Mars nicht mehr möglich war. In geordneten Formationen verliessen wir den Mars, um uns eine neue Zukunft an einem anderen Ort aufzubauen. Während die Grosszahl der marsianischen Bevölkerung in Raumschiffen im Weltall ausharrt, wurde eine Auswahl an Familien ausgesandt, um andere Planeten zu finden, wo wir in Koexistenz mit den Einheimischen leben könnten. Meine Eltern und ich wurden dem Planeten Erde zugeteilt, wo die sogenannten Menschen die vorherrschende Spezies sind. Unser Auftragsgebiet ist das Land Schweiz auf dem Kontinenten Europa. Dieses eigenartige Land scheint mich einfach nicht hier haben zu wollen. Es begann schon damit, dass ich mir Fühler und Beine ausriss, um die Landessprache Deutsch perfekt zu beherrschen, nur um dann in der Schweiz festzustellen, dass niemand hier diese Sprache spricht. Sie sprechen etwas, das sie selbst Schweizerdeutsch nennen. Anfangs verstand ich kein Wort. Mittlerweile schlage ich mich nicht schlecht, aber es war – oder ist – dennoch ein schwieriger Start.

Ich seufze und schaue mich um. Die meisten Leute im Bus beachten mich so viel, wie sie einander beachten, nämlich gar nicht. Sie tippen auf ihren Handys herum oder hören zu laute Musik. Wir Marsianer haben auch Technik, sogar weitaus fortschrittlichere. Aber für uns ist Technik nur ein Werkzeug. Für die Erdlinge ist es mehr. Ihre Handys scheinen eine Erweiterung ihres Körpers zu sein. Niemals gehen sie ohne aus dem Haus, oft legen sie es den ganzen Tag nicht aus der Hand.

Ich beobachte die Erdlinge weiter. Bei den Haltestellen steigen viele Leute ein und aus. Ihr Blick streift meine marsianische Wenigkeit und schweift mit höflichem Desinteresse weiter. Als würde ich nicht merken, dass diese Gleichgültigkeit nur gespielt ist. Niemand möchte sich neben den Fremden setzen. Man zwängt sich lieber in ein schon besetztes Zweierabteil als mir gegenüber in einem Viererabteil zu sitzen.

Wir nähern uns meiner Bushaltestelle. Ich stehe auf und warte beim Ausgang. Der Bus verlangsamt und… fährt weiter. Was zum grünen Marsianer?! Wieso fahren wir weiter? Hat der Buschauffeur die Bushaltestelle tatsächlich übersehen?

Die alte Dame, die neben dem Ausgang sitzt, bemerkt meine Verwirrung und lächelt mich an.

“Man muss die Stop-Taste drücken, wenn man möchte, dass der Bus anhält”, erklärt sie mir.

Irritiert schaue ich in die Richtung, in die ihr Finger zeigt und tatsächlich leuchtet mir ein knallroter Knopf mit der Aufschrift Stop entgegen. Wie konnte ich den nur übersehen haben? Weil ich nicht recht weiss, was ich sonst machen soll, setze ich mich wieder zurück an meinen noch immer freien Platz.

Keine Panik, Gogol, das ist nicht so schlimm. Dann steigst du eben ganz einfach bei der nächsten Haltestelle aus und läufst zurück. Ich schaue auf den Monitor. Die nächste Haltestelle ist sicher nicht weit weg… nur 10 Minuten entfernt im Nachbarsdorf. Ich bin geliefert. Ich würde ewig brauchen, um zu unserer Wohnung zurückzukommen. Da lohnt es sich wohl mehr, auf den Bus zu warten, der wieder zurückfährt, wann auch immer der kommen mag.

Plötzlich stehen zwei Männer im hinteren Busteil auf und rufen laut: “Guten Abend miteinander. Billetkontrolle. Bitte weisen Sie Ihre gültigen Billette vor.”

Diese zweite ungewollte Überraschung macht mich noch nervöser. Komm, Gogol, halt deine Fühler still und atme tief durch, du hast ja dein Billet gelöst. Alles ist in Ordnung. Du hast nichts zu befürchten. Die beiden Männer teilen sich auf. Einer kommt nach vorn und steht prompt vor mir.

“Ihr Billet, bitteschön”, sagt er, weil ich ihn wohl einen Augenblick zu lange schweigend angestarrt habe.

Schnell nehme ich den Zettel hervor und reiche ihn dem Herren. Dieser sieht konzentriert auf das Billet, dann zurück auf mich und dann wieder auf das Billet. Ich muss schlucken.

“Dieses Billet ist in dieser Zone nicht gültig”, stellt er fest. Ich erstarre, gleichzeitig wird mir schlecht. Mein normalerweise strahlend gelbes Gesicht hat jetzt bestimmt eine ungesunde Farbvariante meines grünen Körpers angenommen.

“Aber ich habe doch extra am Automaten die richtige Haltestelle eingegeben. Haltestelle Rebberg.”

“Für die Haltestelle Rebberg wäre das Billet auch gültig, aber wir sind jetzt auf dem Weg zur Haltestelle Sonnenweg, die in einer anderen Zone liegt.”

“Das ist doch nicht meine Schuld!”, entgegne ich, “ich wollte ja bei der richtigen Haltestelle aussteigen, aber ich wusste nicht, dass man auf Stop drücken muss, wenn der Bus halten soll.”

“Nun, jetzt wissen Sie es für das nächste Mal. Ich brauche jetzt bitte Ihre Personalien, damit ich Ihnen eine Busse ausstellen kann.”

Eine Busse? Mein Vater würde mir die Fühler lang ziehen! Die Höhe der Busse ist egal, ihm geht es immer nur ums Prinzip.

“Aber das ist doch nicht fair! Ich hätte das neue Billet gleich besorgt, wenn mir bewusst gewesen wäre, dass wir uns schon in der nächsten Zone befinden.”

Der Kontrolleur sieht mich ungerührt an.

“Junger Mann, Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Nun geben sie mir bitte Ihren Namen und Ihre Adresse an.”

Ich stecke wirklich in Schwierigkeiten. Der Kontrolleur wippt mit seinem Stift auf und ab. Alle im Bus beobachten mich. Mich, den Fremden, der nicht einmal fähig war, an der richtigen Bushaltestelle auszusteigen und jetzt auch noch Schwierigkeiten macht. Inzwischen sind wir längst auch an der anderen Haltestelle vorbei gefahren.

“Also…”, setzt der Kontrolleur an.

Da tippt ihm jemand von hinten auf die linke Schulter. Ein männlicher Erdling etwa in meinem Alter strahlt den Herren neben mir an.

“Entschuldigen Sie, Herr Kontrolleur, ich weiss, dass sie beschäftigt sind, aber ich muss bei der nächsten Haltestelle unbedingt den Anschluss erwischen und habe noch eine Frage.”

Der Kontrolleur dreht sich um und sagt etwas zu dem Jungen. Ich höre gar nicht hin, sondern gehe in Gedanken meine Möglichkeiten durch. Möglichkeiten ist wohl übertrieben, denn mir bleibt nichts Anderes übrig, als die Busse entgegenzunehmen. Etwas in meinem Augenwinkel erregt meine Aufmerksamkeit und ich schaue auf. Der Junge steht nun mit dem Rücken zu mir und macht eigenartige Handbewegungen in meine Richtung, während er sich mit dem Kontrolleur unterhält. Was soll denn das? Immer wieder zeigt er auf mich und dann auf die Tür. Der will doch nicht wirklich, dass ich aus dem Bus abhaue? Ist er wahnsinnig? Ich würde mir nur noch mehr Ärger einhandeln.

 Weiter komme ich mit meinen Gedanken nicht, denn als der Bus bei der nächsten Haltestelle hält, packt der Junge meinen Arm, zieht mich hoch und ruft laut: “Lauf!”

Und ich laufe los. Ich kann gar nicht anders, es ist eine instinktive Handlung.

“Hey! Komm sofort wieder zurück!”, schreit es hinter mir, doch ich renne weiter, ohne mich umzudrehen. Jetzt ist es sowieso schon zu spät. Ich renne immer weiter und weiter, bis ich nicht mehr kann. Ich halte an und versuche wieder zu Atem zu kommen. Die hier dreimal höhere Gravitationskraft macht mich fertig!

“Mein Gott, bist du schnell!”
Ich schrecke zusammen. Der Junge aus dem Bus läuft auf mich zu. Ich sage nichts sondern starre ihn nur an.

“Alles okay mit dir?”, fragt er, als er bei mir angekommen ist.
“Wieso hast du das gemacht? Jetzt kriege ich nicht nur Ärger wegen dem falschen Billet, sondern auch noch weil ich abgehauen bin”, platze ich heraus, ohne auf seine Frage einzugehen.

“Na, ich musste dir einfach helfen. Du sahst so verschreckt aus. Dabei konnte ich sehen, dass du das Herz am rechten Fleck hast. Du hast für so ein Versehen einfach keine Strafe verdient. Mein Name ist übrigens Matthias.”

Etwas zögerlich reiche ich ihm meine Hand.

“Ich heisse Gogol. Und Marsianer haben zwei Herzen”, antworte ich sachlich.
Er schüttelt energisch meine Hand.

“Wirklich? Das ist ja krass! Dann hast du ja zwei Herzen am rechten Fleck. Da ist es ja erst recht gut, dass ich dir geholfen habe.”

“Naja, danke für deine Hilfe, aber das Weglaufen war keine gute Idee! Der ganze Bus hat doch alles mitangesehen. Die können ganz leicht herausfinden, wer ich bin!”

“Dich wird niemand anzeigen, keine Angst. Du bist nicht der einzige Marsianer, der in der Nähe der Haltestelle Rebberg wohnt und die Leute aus dem Bus können dich wahrscheinlich gar nicht beschreiben. Und wegen 80 Franken wird der Kontrolleur sicher nicht zur Polizei gehen. Das ist dem zu anstrengend.”

Ja, die Menschen haben sich noch nicht an unser Aussehen gewöhnt und viele fanden es schwierig, uns auseinander zu halten. Dabei ist kein einziger farbiger Punkt auf unseren Körpern gleich.

Leider muss ich gestehen, dass es mir früher ähnlich mit den Menschen ging. Ich lache auf, als ich an ein paar peinliche Momente zurückdenke. Aber heute ist das natürlich anders.

“Anfangs saht ihr Erdlinge für mich auch alle gleich aus. Mit eurer farblosen Haut und eurem komischen Fell auf den Köpfen.”

Matthias lacht zurück.

“Hey, das ist kein Fell! Das sind Haare.”

Ich schüttle den Kopf.

“Ich weiss. Das sollte nur ein Witz sein.”

“Also das war ein echt schlechter Witz. Das müssen wir in Zukunft noch ein bisschen üben.”

Bei diesen Worten werde ich ganz aufgeregt. Ich glaube ich habe meine erste Freundschaft mit einem Erdling geschlossen. Noch dazu mit einem, den ich – wirklich ungelogen – witzig und sympathisch finde.

“Ich muss jetzt los. Meine Mutter macht heute Pizza zum Abendessen. Die will ich nicht verpassen. Man sieht sich dann. Ich weiss ja jetzt an welcher Bushaltestelle du aussteigen musst.”

Matthias dreht sich zum Gehen um.

“Warte, Matthias! Danke nochmals! Wirklich! Vielen Dank! Du hast mir meine Haut gerettet!” Matthias dreht sich um, zuckt seine Achseln und grinst.

“Hey, das ist doch keine Sache. Ich helfe dir, genauso wie ich einem anderen Menschen geholfen hätte. Wir sind doch alle gleich. Am Schluss bestehen wir alle nur aus Sternenstaub.”

Schreibe einen Kommentar